Wie die Trinkwasserförderung für die Stadt Bremen die Natur im Halsetal schädigt

Veröffentlicht von Wasserforum Bremen am

Radtour im Halsetal von WASSERFORUM Bremen und BUND Verden.

Woher bekommen wir in Bremen eigentlich unser Trinkwasser und welche Probleme gehen mit der Trinkwasserförderung einher? Bei einer Radtour am 05. September 2020 von WASSERFORUM Bremen und BUND Verden erkundeten wir Teile des Halsetals und ließen uns von Udo Paepke und Heike Vullmer vom BUND Verden die Folgen der Jahrzehnte langen Trinkwasserförderung im Wasserwerk Panzenberg durch den Trinkwasserverband Verden (TWV) zeigen.

Mit insgesamt neun Personen starten wir an der Aral-Tankstelle in Dauelsen. Von dort geht es direkt zum Halsebach, einem 10 Kilometer langen Seitenarm der Aller, der u.a. südlich von Dauelsen in Richtung des größeren Flusses fließt.

Textfeld: Abbildung 1 Udo Paepke vom BUND Verden erklärt die Zusammenhänge zwischen Grundwasserförderung und Beeinträchtigung von Oberflächengewässern im Halsetal
Udo Paepke vom BUND Verden erklärt die Zusammenhänge zwischen Grundwasserförderung und Beeinträchtigung von Oberflächengewässern im Halsetal

Der Halsebach

Die Halse ist ein Bach, der einst viel Wasser führte. Er wird nicht aus einer einzelnen Quelle gespeist, sondern aus vielen verschiedenen, die wiederum durch oberflächlich abfließenden Niederschlag gespeist werden. Seit Beginn der Wasserförderung im Wasserwerk Panzenberg 1983 ist die Halse jedoch nach und nach versiegt. Heute führt sie an vielen Stellen und die meiste Zeit des Jahres gar kein Wasser mehr. Wo einst ein Bach rauschte, wachsen jetzt Efeu und andere Waldpflanzen.

Als wir die Halse bei Dauelsen das erste Mal sehen, haben wir Glück. Wir stehen in dem Landschaftsschutzgebiet „Sachsenhain“ in der Ortschaft Verden-Dauelsen auf einer kleinen Brücke umgeben von Bäumen, der Weg ist gesäumt von riesigen Findlingen, von der Weide her beäugen uns einige Pferde. Unter uns fließt ein wenig Wasser. Sehr idyllisch alles. Udo Paepke und Heike Vullmer erklären, dass dies jedoch nicht selbstverständlich sei.

Das Wasserwerk Panzenberg

Das Wasserwerk Panzenberg wurde unter Beteiligung der Stadt Bremen Anfang der 1980er Jahre errichtet und 1983 in Betrieb genommen. Insgesamt sieben Brunnen fördern aus bis zu 300 Metern Tiefe das Grundwasser zu Tage. Dabei handelt es sich um Wasser aus der sogenannten Rotenburger Rinne, einer eiszeitlichen Formation, in der uraltes, sehr reines Wasser fließt. Problematisch dabei sei, dass beim Bau des Wasserwerkes nie die Neubildungsrate dieses Wassers ermittelt wurde. Seit dem Jahr 2000 ist jedoch die europäische Wasserrahmenrichtlinie maßgebend für die Bewirtschaftung und den Zustand sowohl von Oberflächengewässern wie auch von Grundwasser.

Für Grundwasser bedeutet dies, „[dass] der mengenmäßige Zustand gut [ist], wenn unter anderem die langfristige mittlere jährliche Grundwasserentnahme das nutzbare Grundwasserdargebot nicht übersteigt. Das heißt, wenn sich Neubildung und Entnahme von Grundwasser im Gleichgewicht befinden. Zudem muss der Grundwasserspiegel so hoch sein, dass von dem Wasser abhängige Oberflächengewässer und Landökosysteme nicht gefährdet werden.“ (Umweltbundesamt, 2020)

Im Fall des Halsetals kann dies nicht gewährleistet werden. Die Grundwasserneubildungsrate für das Grundwasser aus dem tiefsten von drei Grundwasserstockwerken ist nicht bekannt. Aktuell dürfte sie allerdings in etwa bei Null liegen, da der Niederschlag der letzten drei trockenen Sommer nicht einmal reichte, um die Oberflächengewässer zu speisen. Nachhaltig ist das nicht. Die Gutachten zur Genehmigung der Förderung in 1979 gingen fälschlicherweise davon aus, dass sich zwischen den Grundwasserstockwerken trennende Mergel- und Tonschichten befinden würden, sodass die Wasserförderung also keine Auswirkung auf Oberflächengewässer habe. Bereits kurze Zeit nach Aufnahme der Wasserförderung im Jahr 1983 zeigte sich aber durch Trockenschäden, dass dies nicht der Fall ist. Die Beobachtungen und Annahmen von Bürger*innen und der Umweltverbände BUND und NABU wurden mit einem neuerlichen Gutachten im Jahre 2013 endlich bestätigt. Nicht nur der Halsebach, auch viele weitere Oberflächengewässer wie der Mühlenteich oder der Bettenbruchgraben bei Dauelsen leiden unter der Grundwasserentnahme. Dem Wasserwerk Panzenberg wurde immerhin eine Fördermenge von 10 Mio. m³ bewilligt. 9,8 Mio. m³ Rohwasser werden jährlich gefördert. Die Reinwasserabgabe beträgt etwa 9,3 Mio. m³ Trinkwasser pro Jahr. Etwa 90 % dieses Wassers wird nach Bremen exportiert. Nur ein kleiner Teil wird für die Versorgung vor Ort im Landkreis Verden genutzt. Die Stadt Bremen kann nur etwa 15 Prozent ihres Trinkwasserbedarfes aus eigenen Quellen im Stadtgebiet decken. Der Rest wird aus dem niedersächsischen Umland importiert. Etwa ein Viertel der jährlich ca. 32 Mio. m³ benötigten Trinkwassers kommt dabei aus dem Wasserwerk Panzenberg vom TWV.

Brisant ist, dass die Fördergenehmigung des TWV für das Wasserwerk Panzenberg bereits 2009 ausgelaufen ist. Seitdem wird mit einer vorläufigen Erlaubnis weitergefördert, ohne dass die Auswirkungen auf Umwelt und Natur geprüft wurden. Die Stadt Bremen muss mit Trinkwasser versorgt werden. Uns beschleicht das Gefühl, dass hier etwas verkehrt herum läuft. Schließlich kann ein Vertrag nur zustande kommen, wenn der Anbieter legal die Ware in ausreichender Menge zur Verfügung stellen kann.

In einem Gebiet von insgesamt ca. 100 km² ist der Grundwasserspiegel seit 1983 wohl in erster Linie durch die Trinkwasserförderung zwischen einem und 9,5 Metern abgesunken. Diese 100 km² entsprechen etwa einem Siebtel der Fläche des Landkreises Verden und Teilen des Landkreises Rotenburg.

Die sieben Förderbrunnen des Wasserwerkes Panzenberg bei Scharnhorst liegen alle in einer Reihe, recht nah beieinander. So entsteht eine große Sogwirkung durch die Brunnen, welche dazu führt, dass der Grundwasserspiegel um diese herum nach den gutachterlichen Feststellungen im Jahre 2013 bis zu 9,5 Metern abgesunken ist. Welche Auswirkungen das hat, sehen wir an der nächsten Station.

Der Mühlenteich

Es geht weiter zum Mühlenteich. Wieder stehen wir auf einer Brücke und schauen aufs Wasser. Im Hintergrund hören wir den Lärm einer Motorsäge. Jemand zersägt direkt beim Teich Baumstämme von Bäumen, die der Trockenheit oder dem Absinken des Grundwasserspiegels der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind.


Der Mühlenteich in Dauelsen: Am Wasserrand ist erkennbar, dass hier das Wasser eigentlich höher stehen sollte.

Der Mühlenteich wird normalerweise aus der Halse gespeist. Da diese jedoch über große Strecken und in der meisten Zeit des Jahres kein Wasser mehr führt, trocknet auch der Teich aus. Ein Problem für die umstehenden Bäume, darunter auch viele Erlen.

Das gesamte Halsetal ist gekennzeichnet von einer Vielzahl von Erlenbruchen – schützenswerter Feucht-gebiete, welche eigentlich permanent nass sein sollten.

Die wenigen Niederschläge der letzten Jahre können gerade in den Sommermonaten die Verdunstungsrate des Mühlenteiches nicht ausgleichen. Um das Austrocknen des Teiches zu verhindern, wurde auf Initiative von Anwohner*innen vor kurzem ein Brunnen gebohrt, aus dem Grundwasser heraufgepumpt und direkt in den Mühlenteich geleitet wird. Die Idee, das Bett der Halse mit einer Lehmrinne auszukleiden, in der Wasser fließen kann, welches dort hineingepumpt wird, wurde in 2019 endlich verworfen. Heike Vullmer vom BUND Verden erklärt, dass dies nicht sinnvoll sei, da so die wichtigen Auen am Bach nicht mit Wasser versorgt würden, welches für diese dauerhaft feuchten Lebensbereiche aber essenziell ist.

Das trockene FFH-Gebiet

Weiter geht es auf unseren Fahrrädern. Wir werden noch an verschiedenen ehemaligen Wassermühlen halten und an unterschiedlichen Stellen des trockenen Bachbetts. Immer wieder fahren wir auch über Brücken, die über ein trockenes Bachbett führen. Nächster Halt ist ein Regenrückhaltebecken unweit des Teiches. Hier fließt die Halse vorbei. Ein Überlauf führt in den Bach, doch das wenige Wasser hilft auch nicht, die Halse wieder zum Rauschen zu bringen.


Flora-Fauna-Habitat-Gebiet: Hier fließt kaum noch Wasser.

Der Radweg führt uns unter anderem ein Stück hinauf, sodass wir ins schöne tieferliegende Halsetal schauen können. Immer wieder fahren wir durch Erlenbruche, die es immer noch gibt. In einer Senke machen wir Halt. Von den Schäden, welche die Grundwasserabsenkung nach sich zieht, ist nicht überall auf den ersten Blick etwas zu sehen. Ein Großteil der Bäume, die der Trockenheit oder damit einhergehendem Schädlingsbefall zum Opfer fallen, werden aus Gründen der Verkehrssicherungs-pflicht entnommen, sodass von toten Erlen wenig zu sehen ist. Doch auch uns fällt auf, dass hier von dem blauen Flüsschen, das auf der Karte eingezeichnet ist, wenig zu sehen ist. Immer wieder das überwucherte Bachbett. Die letzten drei Hitzesommer haben die Situation noch verschärft. Bisher gab es an einigen Stellen immer noch etwas Wasser, das von der Oberfläche abgeflossen ist und sich an bestimmten Stellen, Feuchtgebieten, sammelte. Doch in diesem Jahr ist auch davon nichts zu sehen. Lediglich Schilf, das an einigen Stellen zwischen den Brennnesseln aufragt, zeugt davon, dass hier ein Bach fließen sollte.

Als das Wasserwerk erbaut wurde, wurde der Status quo der umgebenden Natur nicht systematisch erfasst. Als Referenz dafür, wie der gute Zustand von Gewässer und Natur sein sollte, dient lediglich das Gedächtnis alt eingesessener Verdener. Ein riesen Problem. Es gibt weder unabhängige Studien, noch eine aktuelle Zustandserfassung. Die Bewirtschaftungsziele nach Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sollen für die Halse herabgesetzt werden, um weiter Grundwasser fördern zu können und sogar ein FFH-Gebiet ( Fauna-Flora-Habitat) ist von den Schäden durch die Grundwasserabsenkung betroffen. Eigentlich sollten die WRRL und der FFH-Status dafür sorgen, dass Gewässer und Natur bestmöglich geschützt und der gute ökologische Zustand erhalten oder wiederhergestellt wird.

Die Halse beim Hof Wassermühlen: Einst ein rauschender Bach, wächst hier nun vor allem Efeu.

Einstige Wassermühlen und trockene Teiche

In der Umgebung des Halsebaches zeugen noch viele Straßennamen davon, dass hier einst viel Wasser floss: Dovemühlen, Neumühlen, Uhlemühlen oder Halsmühlen. Entlang der Halse wurden fünf Wassermühlen Jahrhunderte lang genutzt, da das Wasser ganzjährig reichlich floss.

Einen weiteren Stopp legen wir beim Reiterhof Wassermühle ein. Wieder stehen wir auf einer Brücke, unter der kein Wasser fließt. Der Besitzer Herr Mysegades berichtet uns davon, wie er Anfang der 1990er Jahre noch einen Zaun entlang des Baches, der sein Grundstück durchfließt, errichten ließ, damit seine damals noch kleinen Kinder nicht versehentlich hineinfallen und ertrinken konnten. Das Rauschen des Baches übertönte damals sogar das der Autobahn. Heute hört man vor allem letzteres – wenig romantisch. 

Ein Stückchen weiter auf einer Koppel stehen einige Pferde. Wir dürfen hinein, laufen einige Schritte und schauen einen kleinen Hang hinunter. Hier soll normalerweise Wasser in zwei Teichen zu sehen sein, die in den letzten drei Jahren endgültig ausgetrocknet sind. Was wir betrachten, sind zwei Pferde, die im zertretenen Matschboden das Gras abweiden.


Kein Wasser, dafür Pferde beim Grasen.

Langsam nähern wir uns dem Ende unserer Tour. Wir sind mittlerweile etwa drei Stunden unterwegs und teilweise etwas ratlos und ungläubig. Umso erstaunlicher, mit welchem Elan Umwelt- und Naturschützer Udo Paepke immer noch bei der Sache ist.

Gebäudeschäden

Eine Teilnehmerin hatte sich von Udo Paepke für die Tour ein Rad geliehen. Das bringen wir noch zurück. Eine gute Gelegenheit, noch einen letzten Teil der Auswirkungen der Grundwasserabsenkung zu begutachten. Wir stehen bei Paepkes in der Einfahrt. Diese ist ganz uneben, an der Hausecke sieht man das Fundament. Neben den ökologischen Schäden seien auch diese Schäden an Gebäuden eine Folge der Grundwasserabsenkung durch die Trinkwasserförderung. Gegenüber bei den Nachbarn sieht es nicht besser aus

Die Torfschicht unter der Einfahrt ist hier insgesamt etwa 1,50 Meter dick. Um 40 Zentimeter ist die Einfahrt bereits abgesunken, 20 Zentimeter davon in den letzten acht Jahren. Auch auf der Straße lassen sich ähnliche Beispiele finden und im Bettenbruchgraben, der neben der Straße fließen sollte, ist ebenfalls kein Wasser vorhanden. Mit dem Absinken des Grundwasserspiegels, wird nach und nach auch der Torf entwässert, das darin gebundenes CO2 wird freigesetzt und der Boden sinkt ab. Ein Phänomen, das aus dem Torfabbau und dem damit einhergehenden Trockenlegen ganzer Moore lange bekannt ist.

Wir sind bestürzt, welches Ausmaß die Trinkwasserförderung für die Stadt Bremen im Landkreis Verden hat und dass in fast vierzig Jahren nichts geschehen ist, um die Naturzerstörung aufzuhalten. Für eine komplette Umkehr ist es wahrscheinlich schon zu spät. Nichtsdestotrotz sollte bei Versorgern und Politik endlich ein Umdenken stattfinden. Das Problem ist lange bekannt, doch außer halbherzigen Wassersparmaßnahmen von Seiten Bremens und schönen Worten ist seither wenig passiert.

Erschreckend ist, dass das Beispiel Halsetal nur eines von vielen in Deutschland dafür ist, welche weitreichenden Folgen Eingriffe in Natur und Wasserhaushalt für Mensch, Natur und Umwelt haben. Zeit zu handeln!

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