Fragen und Antworten: Der menschliche Part im ökologischen Kreislauf

 Ein Interview mit Christopher Kellner, Water and Sanitation Association of Zambia (WASAZA)

BORDA: Alles, was unser Planet beherbergt ist Teil des Lebenskreislaufs. In der Natur hängt alles zusammen und beeinflusst sich wechselseitig: Wachstum und Verfall bedingen einander. Manche drücken es so aus: Nahrung wird zu Müll, Müll wird zu Nahrung. Doch unsere moderne Art zu leben isoliert den Menschen zunehmend von der Natur und ihren ökologischen Prozessen.
Hier also meine Frage an dich, Christopher; sind Menschen in unserer modernen Welt überhaupt noch Teil des ökologischen Kreislaufs?

Christopher: Als lebende Wesen, natürlich. Aber es ist auch wie du sagtest. Es gibt ein Bestreben, den menschlichen Einfluss auf das natürliche Umfeld zu verringern, was auch bedeutet, dass wir zunehmend aus dem ökologischen Kreislauf aussteigen.

BORDA: Warum ist das so?

Christopher: Naja, der Grund ist, dass wir – besonders in Städten, in denen sehr viele Mensen auf engem Raum zusammenleben – einige Gefahren und unschöne Nebeneffekte erfahren haben. Nehmen wir z.B. die sanitäre Versorgung: Aktuell fließt nur ein Bruchteil des erzeugten Abwassers im Afrika südlich der Sahara in zentrale Kläranlagen. Das meiste wird zwischenzeitlich in Klärgruben gesammelt. Schließlich endet der Großteil dieses „menschlichen Abfalls“ in Flüssen und Grundwasser. Diese unbehandelten Abwässer verschmutzen die Frischwasser-Ressourcen und können durch Wasser übertragene Krankheiten verursachen, an denen viele Menschen – besonders Kinder – leiden und sterben.

BORDA: Mit diesen negativen Auswirkungen im Blick – sollten moderne Menschen überhaupt noch Teil des ökologischen Kreislaufs sein?

Christopher: Ja, absolut! Wir sind ein Teil der Natur und werden dies auch immer sein. Die entscheidende Frage ist, wie wir mit Abwasser umgehen. Die Auswirkungen davon, dass Abwässer unbehandelt entsorgt werden, sind ja nur eine Seite der Geschichte. Die andere Seite ist, dass wenn wir Abwässer richtig behandeln, sie eine hervorragende, nährstoffreiche Ressource darstellen. Denken Sie mal so herum: Wo kommen die Fäkalien her? Die Antwort ist: vom Essen. Bevor es Fäkalien wurden, war es unser Essen, Nährstoffe des Menschen sozusagen. Ursprünglich war es pflanzliches Material, das wir entweder direkt gegessen haben oder das unser Vieh gegessen hat, bevor wir es geschlachtet haben. Unsere Fäkalien im Gegenzug enthalten eine Menge Nährstoffe, die Pflanzen nähren, die wiederum uns ernähren. Sehen Sie? Und das ist die Möglichkeit, wie wir den ökologischen Kreislauf schließen können und wieder ein Teil des Nahrungskreislaufs werden können.

BORDA: Zerstören die Fäkalien, besonders der Urin, die Pflanzen nicht?

Christopher: Das ist eine Frage der Dosierung. In einem Mischungsverhältnis mit einem Teil Urin und 3 Teilen Wasser werden Pflanzen nicht beschädigt. Und im Durchschnitt kann der Urin einer Familie für sie das pflanzliche Essen auf 1000m² Gartenfläche produzieren.

BORDA: Wow, das ist beeindruckend! Aber schmeckt das Essen dann nicht nach Fäkalien oder Urin?

Christopher: (Lacht) Was den Geschmack angeht, nein, die Pflanzen schmecken in keinster Weise danach.

BORDA: Und was ist mit dem Problem der Krankheiten, über das wir vorhin sprachen?

Christopher: In diesem Fall sind Krankheiten kein Problem, wenn klug vorgegangen wird. Der Urin sollte nur zu den Wurzeln der Pflanzen gegeben werden und die Fäkalien sollten sich ein Jahr in einem Komposthaufen zersetzen können, bevor sie unter das Erdreich gemischt werden, in dem die Pflanzen wachsen.

BORDA: Ok. Das heißt, Urin und Fäkalien sollten voneinander getrennt werden?

Christopher: Ja! Lassen Sie es mich so erklären:

Urin ist verdautes Essen. Das heißt, dass alle Bestandteile des Essens, das wir gegessen haben, die gut und wichtig für unseren Körper sind verdaut wurden und in unseren Blutkreislauf aufgenommen wurden. Die Nieren filtern anschließend das Blut und entfernen bestimmte Bestandteile über den Urin: Wasser und 11 unterschiedliche Mineralien oder Elemente. Dies sind die gleichen Mineralien und Elemente, aus denen essbare Pflanzen bestehen.

Stuhl auf der anderen Seite besteht aus unverdauten Essensbestandteilen, die unser Verdauungssystem und Körper nicht verwerten kann und loswerden will. Das beinhaltet auch Parasiten und Bakterien, die Krankheiten verbreiten.

Also, um auf Ihre Frage zu antworten: Wenn die beiden Materialien, Urin und Fäkalien, gemischt werden, werden sie zu einem unguten Brei. Der unproblematische Urin verflüssigt den problematischen Stuhl und erhöht das Volumen des problematischen Materials um das sechsfache.

BORDA: Um das sechsfache?

Christopher: Korrekt. Das resultiert aus dem Verhältnis, in dem Urin und Stuhl im menschlichen Körper an einem Tag produziert werden: Urin ist unproblematisch – einfach zu handhaben und zeigt sofortige Wirkung auf das Pflanzenwachstum und die Gesundheit der Pflanze – und wir produzieren sehr viel davon, um die 2 Kg am Tag. Stuhl ist problematisch, muss vorsichtig behandelt werden, aber hat nur ein geringes Gewicht und Volumen (0.4 Kg am Tag). Wenn beide gemischt werden, haben wir am Ende sechsmal so viel problematisches Material, mit dem wir umgehen müssen.

BORDA: Und wie können wir bequem unseren Urin sammeln?

Christopher: Eine Option ist, eine Komposttoilette zu installieren. Über ein Urinal (für Männer) fließt der Urin in einen Tank. Von dort aus kann er in Kannen oder Flaschen abgefüllt werden. Die abgefüllten Flaschen können im Garten gelagert werden, bis Dünger benötigt wird.

BORDA: Und wie wird der Dünger angewendet?

Christopher: Die Flaschen sollten schon zu ¾ mit Wasser gefüllt sein. Dann wird das verbliebene Drittel mit Urin von dem Urin-Wasserhahn aufgefüllt. In diesem Verhältnis riecht die Mischung nicht und kann auf das Erdreich um das Gemüse, die Bäume und Blumen gegossen werden – den ganzen Garten also.

BORDA: Und der Stuhl?

Christopher: Bleiben wir beim Beispiel einer Komposttoilette: Da die Toilette erhöht ist, fällt der Stuhl auf eine abgeschrägte Fläche. Von Zeit zu Zeit muss der Stuhl bedeckt werden. Somit entstehen Schichten aus Stuhl und Erde, wodurch die Mikroben im Erdreich die Nährstoffe und Bakterien im Stuhl verwerten können. So ist der Grad an Feuchtigkeit genau richtig, um eine fruchtbare Gartenerde – sogenannten Humus – zu erzeugen.

Auf diese Weise ist es möglich, nährstoffreiche Erde für unsere Gartenpflanzen zu erzeugen und gleichzeitig einen flüssigen Dünger, der ihr Wachstum und ihre Gesundheit unterstützt.

BORDA: Sehr interessant! Nun bleibt nur noch: Wo kann ich eine solche Komposttoilette in Aktion sehen?

Christopher: Willkommen im WASAZA Büro in Lusaka, Sambia! Unser Büro liegt an der Great East Road, nahe der Bushaltestelle UNZA an der Fußgängerbrücke!