Gewässerschutz und Hochwasser

Was ist ein Hochwasser?

Ein „Hochwasser“ ist der höchste Wasserstand im Gezeitenablauf sowohl in den Meeren also auch im Unterlauf der Flüsse, in die die Flut eindringt. Es kann aber auch den Wasserstand bei ungewöhnlich hohen Regenzuflüssen oder Sturmfluten ausdrücken. Spätestens seit dem Elbehochwasser 2002 verbindet man es damit. Was eigentlich ein Zeichen einer natürlichen Gewässerdynamik ist, kann dann eine Bedrohung für in der Aue und an Küsten lebende Anwohner*innen sein. Das beschleunigte weltweite Klimageschehen trägt zu einer Verstärkung des Vorganges immer mehr bei.

Küstenschutz

Schon vor 1000 Jahren haben in Nordwestdeutschland Holländer mit dem Deichbau – als Bollwerk gegen Hochwasser – begonnen. Nicht nur die Meeresküste, auch die Flussunterläufe wurden dabei nach und nach mit Deichen versehen. Am Fluss sind sie eine Notwendigkeit für die nah siedelnden Menschen als Schutz vor dem Tidehochwasser und Sturmfluten. Für den Fluss selbst sind sie allerdings eine Katastrophe, denn er wird von seiner Aue abgeschnitten. Natürliche, unbegrenzte Flusssysteme haben eine hohe Dynamik mit verschiedenen Wasserständen in einem wechselnden Gewässerbett.

 Hochwassermodenschau. So könnten wir gekleidet sein, wenn die Weser überläuft.

Hochwassermodenschau. So könnten wir gekleidet sein, wenn die Weser überläuft.

Für eine Hochwassergefahr ist Bremen ein typisches Beispiel. Die Stadt liegt zum überwiegenden Teil unter dem mittleren Tidehochwasser der Weser und ist damit direkt und bei jeder Flut von der Funktionstüchtigkeit der Deiche abhängig. Da die Unterweser stark kanalisiert ist und bei Sturmflut die Sperrwerke der Nebenflüsse verschlossen werden, wird das Wasser im Hauptstrom gehalten. So erhöht sich zusätzlich der Wasserstand.

Seit dem Mittelalter sind schwere Orkanfluten dokumentiert, die in grob hundertjährigem Abstand an die Nordseeküsten branden. In der Bremer Region ist seit längerer Zeit keine zerstörerische Sturmflut zu verzeichnen gewesen, auch wenn es  schon ziemlich knapp war. Der Orkan „Xaver“ im Dezember 2013 war kurz davor, das Weserstadion unter Wasser zu setzen. Er führte dazu, dass der Deichschutz auf dieser Strecke erneuert wurde. Entlang fast der gesamten Uferstrecke in Bremen wird an Deichanpassungen gearbeitet. Zum einen senkt sich Nordwestdeutschland seit der letzten Eiszeit, zum anderen wird sich der Meeresspiegel durch den Klimawandel merklich erhöhen.

Das WASSERFORUM BREMEN möchte durch seine Aktionen darauf aufmerksam machen, dass für natürliche Flusssysteme genug Raum vorgehalten oder wieder freigegeben werden muss. Die Gewässerlebensräume beherbergen eine Vielzahl von Arten, u.a. bedrohte, die geschützt werden müssen. Es müssen Konzepte gesellschaftlich beschlossen und umgesetzt werden, die ein Nebeneinander von Siedlungen, Wirtschaftsflächen und naturnahen Flussläufen ermöglichen.

Da auf allen Kontinenten Menschen sehr dicht am Wasser leben, ohne sich der Gewässerdynamik bewusst zu sein, sind Konfliktsituationen mit Überschwemmungen schon fast an der Tagesordnung. In den weltweit betroffenen Regionen hat häufig gerade die ärmere Bevölkerung keine andere Chance, als den gewässernahen Raum zu bewohnen und sich dem Risiko einer Überschwemmung auszusetzen. Das gilt für Bangladesch genauso wie für New Orleans. Der Klimawandel verstärkt die Situation erheblich. Hierfür müssen die Industrienationen die Verantwortung übernehmen und die gefährdeten Regionen in größtmöglichem Rahmen humanitär und technisch unterstützen.

 Das Klima verändert sich
 Auf dem Floß entlang von verschiedenen Flüssen kann auf den Klimawandel aufmerksam gemacht werden.

Auf dem Floß entlang von verschiedenen Flüssen kann auf den Klimawandel aufmerksam gemacht werden.

Wir befinden uns in einer Phase der schnellsten Temperaturveränderung der jüngeren Erdgeschichte, also der letzten 66 Millionen Jahre.

Die atmosphärischen Konzentrationen von Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas sind durch menschliche Aktivitäten laut IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) auf Werte gestiegen, die höher liegen als in den letzten 800.000 Jahren. Die Konzentration von Kohlenstoffdioxid erhöhte sich von 280 ppm (parts per million) in vorindustrieller Zeit auf über 400 ppm. Heute haben wir eine globale Erwärmung von etwa 0,65 °C über den Meeren, einem Grad über Land und in der Arktis noch höher. Der Meeresspiegel steigt vor allem wegen des größeren Volumens der Meere schnell, im 2. Jahrzehnt dieses Jahrhunderts um drei Millimeter pro Jahr.

Zusätzlich versauert das Meerwasser. Der pH-Wert ist von 8,2 um 0,1 gefallen. Das liest sich wenig, ist aber für Meeresorganismen eine entscheidende Veränderung. Kalk kann nicht mehr so gut an Schnecken- und Muschelschalen angelagert werden. Überall auf dem Planeten ist die Korallenbleiche zu beobachten. Bei anhaltendem Trend würde das Wasser 2100 zwei bis dreimal so sauer sein wie vor der Industrialisierung. Der Grund für die Versauerung ist die höhere Aufnahmeratevon Kohlenstoffdioxid im Meereswasser.

Es gibt Schwellen, deren Überschreitung eine Erwärmung sprunghaft ansteigen lässt. Durch die Freisetzung von Methan aus Permafrostböden oder wenn Kohlenstoffdioxid aus der Tiefsee an die Meeresoberfläche gelangt, kann das Klimageschehen massiv beschleunigt werden.

Selbst wenn man es heute schaffen sollte, die Kohlenstoffemissionen gänzlich zu stoppen, würde die oberflächennahe Lufttemperatur weiter steigen. Der Meeresspiegel würde sich damit auch erhöhen.

Wir sind auf dem Weg in eine drei bis fünf Grad wärmere Welt bis Ende des Jahrhunderts, wenn wir nicht rasch umsteuern. Schon beim oft diskutierten 1,5 °C-Ziel steigt das Thermometer in der Arktis um das Dreifache. Dann gibt es dort keine Walrosse und Eisbären mehr. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Risiken für Natur und Mensch zwischen 1,5°C und 2°C globaler Erwärmung stärker ansteigen als bisher bekannt. Fachleute des IPCC (2018) gehen davon aus, dass bei einem „weiter so“ wir zwischen 2030 und 2052 1,5°C über der vorindustriellen Zeit liegen werden. In jeweils 10 Jahren wird die Temperatur um 0,2 °C ansteigen. Und sie wird weiter steigen, weil das Klimasystem träge und verzögert reagiert.

Extremereignisse nehmen schon jetzt deutlich zu. Insbesondere wird es weltweit zu verstärkten Hitzewellen kommen. Starkregenereignisse werden vermehrt auftreten sowie in manchen Regionen extreme Dürren. Sensible Ökosysteme wie bspw. die tropischen Korallenriffe oder auch die der Arktis sind besonders bedroht.

100 Millionen Menschen würden nach Modellen des IPCC in die Armut absinken, weil die Preise für Lebensmittel steigen.

Die reichen Industrienationen stellen 20% der Bevölkerung und verbrauchen 80% der größtenteils fossil gewonnenen Energie. Die katastrophalen Folgen mit Wetterextremen wie starken Hochwasserereignissen tragen vor allem die Menschen in den südlichen armen Ländern. Wohlhabende Länder werden sich bei ansteigendem Meeresspiegel eher schützen können als bspw. Menschen auf den Malediven.

Alle mit dem 1,5 °C-Ziel kompatiblen Emissionspfade erfordern weltweit eine radikale Verringerung der Treibhausgas-Emissionen, um bis zur Mitte des Jahrhunderts CO2-Neutralität zu erreichen.

Klimaveränderung in der Metropolregion Bremen/Oldenburg, Auswirkung auf die Weseraue

In unserer Region wird der Niederschlag im Winter um etwa 44 % zunehmen und im Sommer um 22 % abnehmen (KlimaAnpassungsStrategie KLAS). Die Intensität und Zunahme von Starkregenereignissen wird weiter steigen. Leichte und mittlere Sturmfluten werden häufiger. Die Strömungsgeschwindigkeit des Weserwassers steigt. Ökologisch relevante Strukturen verschwinden bis in die Nebenflüsse. Die Winterruhe der Vegetation verkürzt sich weiter, drei Wochen sind es bereits.

Das WASSERFORUM BREMEN will mit seiner Öffentlichkeitsarbeit darauf aufmerksam machen, dass vor allem in den reichen Industrienationen eine schnelle und effektive Umkehr in der Energie-, Landwirtschafts- und Wirtschaftspolitik einsetzen muss. Spätestens bis Mitte des Jahrhunderts müssen wir klimaneutral leben. Alle Industrieländer müssen ihre Klimaziele verschärfen, alle Emissionsquellen müssen auf den Prüfstand gestellt werden. Noch wichtiger ist, was Industrieländer kurzfristig real und sofort tun.

Wir können den Klimawandel nur bremsen, wenn es uns gelingt, auf die fossilen Energieträger zu verzichten. Zusätzlich muss die Schaffung von Kohlenstoffsenken wie die Aufforstung von Wäldern und die Renaturierung von Mooren großflächig erfolgen.

Flussausbau
Eine Renaturierung des Weserufers bietet eine Vielzahl von Lebensräumen

Eine Renaturierung des Weserufers bietet eine Vielzahl von Lebensräumen

Besucher*innen anderer Kontinente fragen auf einer Schifffahrt in Bremen häufiger nach dem Beginn der eigentlichen Flusstour, denn einen solch verbauten Fluss würden sie eher als künstlichen Kanal identifizieren. Dieser Teil der Weser ist ein Lehrstück für Flussbauingenieure, denn die weitaus überwiegende Fahrtstrecke besitzt keinen natürlichen Charakter. Schon vor 130 Jahren begann man den Fluss so auszubauen, zu vertiefen und zu gestalten, dass ein gängiges Lastenschiff die 65 km Unterweser von der Nordsee bis nach Bremen gelangen konnte. Die Erreichbarkeit einiger Hafenanlagen ist von der Hafenwirtschaft bis heute in den Grundzügen erwünscht. Große Containerschiffe werden in Bremerhaven abgefertigt. Und noch immer sind weitere Ausbaupläne nicht endgültig vom Tisch. Umweltverbände wie der BUND e.V. versuchen gerichtlich, den Ausbau zu unterbinden.

Bei der Nutzung eines Flusses haben die Anliegen der Schifffahrt wirtschaftlich sehr großes Gewicht. Mit den Argumenten des wachsenden Welthandels und der Arbeitsplatzsicherung sind unsere Flüsse in hohem Maße überformt und ausgebaggert. Bei der Unterweser heißt das: Ein Verlust von einem Drittel der Uferlänge und einem Drittel der Wasseroberfläche durch Abtrennen und Verfüllen von Altarmen und Nebengewässern. Die Ufer sind zu 60% künstlich befestigt, ein großer Verlust für die einst vielfältige Uferlebensgemeinschaft und die Selbstreinigungskräfte des Flusses.

Weitere Konsequenzen sind hydrologische Veränderungen: Der Tidehub (Höhenunterschied zwischen mittlerem Hoch- und Niedrigwasser) stieg um das Zehnfache auf 4,20 m, die Fließgeschwindigkeit erhöhte sich und die Sturmflutgefahr stieg, natürliche Ufer fehlen. Diese Liste lässt sich noch lang weiterführen. Was für die Weser gilt, gilt für die meisten Flusssysteme in Deutschland mehr oder weniger ausgeprägt.

Die Belastbarkeit des Flussökosystems ist schon längst überschritten. Die Schiffe müssen sich den Flüssen anpassen nicht umgekehrt!

Ein typisches Weserufer

Ein typisches Weserufer

Das WASSERFORUM BREMEN hat das Ziel, diese Überbelastung immer wieder ins Blickfeld zu holen. Wir dürfen uns weder daran gewöhnen, dass Flüsse ausgebaut sind, noch zulassen, dass die nächsten Ausbaustufen folgen ohne die Konsequenzen für das Flussökosystem in vollem Umfang zu berücksichtigen. Auch die steigenden Hochwassergefahren dürfen nicht in Kauf genommen werden. Unsinnige Warenströme, bei denen ein Produkt bis zur Fertigstellung zigtausend Kilometer zurücklegt, müssen gestrafft und das Transportmittel Schiff umweltgerecht eingesetzt werden.

 

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