Radtour nach Seehausen und Führung über die Kläranlage am 22.05.2019

Was passiert eigentlich mit unserem Abwasser, nachdem wir die Klospülung gedrückt haben, aus der Dusche kommen oder die Waschmaschine fertig ist mit dem Abpumpen? Am 22.05.2019 sind wir mit 13 Interessierten geführt durch den ADFC zur Kläranlage Seehausen gefahren um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Dort begrüßten uns zwei Mitarbeiter*innen von hanseWasser, um uns anschließend über die Kläranlage zu führen.

Die vom ADFC ausgewählte Route mit Startpunkt an der Stephaniebrücke führte uns über verschlungene Pfade entlang am Wasser und durchs Grüne nach Seehausen. Eine kleine Verschnaufpause gab es bei der Baggergutdeponie mit Blick auf die Kuhweide unter blauem Himmel und den Stahlwerken im Hintergrund, bevor die letzten Kilometer zur Kläranlage zurückgelegt wurden. Auf der Kläranlage hielten wir uns dann fast zwei Stunden auf. Viele interessierte Nachfragen wurden von den beiden Mitarbeiter*innen von hanseWasser bereitwillig beantwortet und bei strahlendem Sonnenschein konnten wir uns ein Bild vom „alten“ Teil der Anlage machen, wo immerhin noch 25 % der rund 130.000 m³ Schmutzwasser gereinigt werden, die täglich in Seehausen ankommen.

Die Kläranlage Seehausen ist für etwa 1.000.0000 Einwohnergleichwerte ausgelegt. Neben dem Schmutz- und Niederschlagswasser aus Bremen wird dort auch Schmutzwasser der Bremer Nachbargemeinden Stuhr/Weyhe, Lilienthal, Ritterhude, Schwanewede, Lemwerder, Achim und Oyten geklärt. Neben häuslichen Abwässern werden z.B. auch vorgeklärte Abwässer von Becks oder aus Molkereibetrieben geklärt. Diese sind stark mit Organik belastet und werden mit dem restlichen Abwasser gemischt.

Bei unserem Besuch haben wir das Feld von hinten aufgerollt und starteten die Führung beim Überlauf, aus welchem das geklärte Wasser ab- und dann in die Weser fließt. Nach und nach setzte sich dann das Puzzle Kläranlage mit seinen verschiedenen Stufen zusammen. Olfaktorisch war der Besuch für die meisten kaum eine Belastung. Lediglich dort, wo das Abwasser zu Beginn von den gröbsten Verunreinigungen gereinigt wird, im Rechenhaus, roch es tatsächlich unangenehm. Ansonsten roch es vor allem an den Belebungsbecken „wie in Omas Waschküche“. Dort wird sauerstoffhaltige Luft ins Abwasser eingeblasen. In sogenannten Kaskaden-Becken läuft das Abwasser durch Bereiche mit viel, wenig oder keinem Sauerstoff. Erreicht wird das, indem die Luftzufuhr abwechselnd ein- oder ausgestellt wird. Verantwortlich für den Abbau der Nährstoffe im Abwasser sind Mikroben. Die Zusammensetzung der Mikroben in der biologischen Stufe ist die der Weser – nur sind es in der Kläranlage viel mehr. Gereinigt wird das Abwasser vor allem von Stickstoff, Phosphor und Kohlenstoffverbindungen.

Die chemische Phosphoreliminierung (mit Hilfe von Fällmitteln) wird dabei kaum eingesetzt. Die Mikroben werden im Belebungsbecken unter anaeroben Bedingungen in eine Stresssituation versetzt. Wenn Mikroorganismen keinen Sauerstoff zur Verfügung haben, können sie nicht atmen. Um das zu verhindern, geben sie die in ihren Zellen eingelagerten Phosphate ab, wodurch Energie entsteht, welche sie zum Überleben verwenden. Wenn die Mikroorganismen dann in einen aeroben Lebensbereich gelangen, nehmen sie das zuvor gelöste Phosphat wieder auf und lagern noch weitere Phosphate in ihren Zellen ein, wodurch dann der Gesamt-Phosphatgehalt im Wasser sinkt.[1] Beim Abbau der Stickstoffverbindungen ist eine pH-Wert -Regulierung sehr wichtig, damit kein schädliches Ammoniak entsteht.

Bei Trockenwetter wird das Abwasser 45 Stunden behandelt. Dabei werden 95 % des Phosphors (Pges), 84 % der Stickstoffverbindungen (Nges) und 99 % der Kohlenstoffverbindungen (BSB5) aus dem Abwasser entfernt.[2]

Neben der Kläranlage Seehausen betreut die Steuerwarte auch die Kläranlage in Farge und in Bremerhaven, wenn diese ab nachmittags nicht mehr besetzt sind.

Die Stickstoffbelastung der Gewässer, die von einer Kläranlage herrührt, ist wesentlich geringer als die durch die Landwirtschaft verursachte.

Um Schmutz- und Regenwasser zu den beiden Bremer Kläranlagen leiten zu können, betreibt hanseWasser ein etwa 2.300 km langes Kanalnetz. Bei Kanalerneuerungen im Mischsystem wird dieses in der Regel beibehalten, da in der Innenstadt, wo noch viel Mischsystem vorliegt, vielerorts eine dichte Reihenhausbebauung vorherrscht. Auf die Hauseigentümer kämen immense Kosten zu, wenn vom Misch- zum Trennsystem gewechselt würde, da auf den Grundstücken die Anschlüsse bis zum Haus aufgeteilt werden müssten in Schmutz- und Regenwasser. Technisch möglich wäre es aber. Dort, wo neu gebaut und erschlossen wird, wird dies im Trennsystem getan. Bei hanseWasser muss ein Nachweis vorgelegt werden, dass Regenwasser nicht anders abgeführt werden und in den Kanal eingeleitet werden muss.

Die Kläranlage Seehausen ist seit 2015 energieautark. Erreicht wird dies mit Hilfe eines Windrades mit einer Leistung von 2 MW und durch die Verstromung von Klärgas im Blockheizkraftwerk. Je nach Wetterlage kann sogar ein geringer Teil des Stroms ins Netz eingespeist werden. In Seehausen gibt es 5 Faultürme zur Biogaserzeugung. Was darin passiert, ist leider nicht zu sehen. Lediglich das Endprodukt, der ausgefaulte Klärschlamm, wird für die Besucher sichtbar in einer Grube gesammelt. Er riecht schwefelig, ähnlich wie der Schlamm im Watt und ist wegen der Konzentration der Biomasse noch immer sehr energiereich und deshalb zur Verbrennung sehr gefragt. Obwohl er vorher mit Abwärme getrocknet werden muss, lohnt es sich, aus dem Schlamm noch Wärmeenergie zu gewinnen.

Die etwas eigentümliche Eiform der Faultürme ist die optimale Form, um überall eine gleichmäßige Temperaturverteilung zu gewährleisten und oben genug Platz zu haben, damit sich das Klärgas (hauptsächlich Methan) sammeln kann.

Probleme bereiten auf der Kläranlage vor allem Dinge, die nicht in den Abfluss gehören. Das sind u.a. Wattestäbchen, Fritteusenfett, Hygieneartikel und besonders Feuchttücher und Küchenrolle, die sich im Wasser nicht auflösen und/oder nicht rausgefiltert werden können. Zusammen können diese zu festen Strängen werden, welche die Mechanik der Kläranlage erheblich beeinträchtigen können.

Hormone und Antibiotika aus Arzneimitteln können in der Kläranlage bisher nicht ausreichend oder gar nicht entfernt werden. Im Gewässer können sie z. B. die Fruchtbarkeit von Fischen beeinträchtigen.

hanseWasser fordert Bürger*innen nicht auf, mehr Wasser zu benutzen, um Verstopfungen im Kanal zu verhindern. Es müssen aber regelmäßig Kanäle gespült werden, um diese von Schlamm zu befreien. Die Spülwagen recyceln das eingesetzte Trinkwasser nach Möglichkeit. Bisher ist es nicht möglich, z.B. Weserwasser für die Spülungen zu nutzen. Einige Stadtteile sind dabei stärker von Verstopfungen betroffen als andere. Das hängt vor allem mit der Gefällelage, aber auch damit zusammen, was über die Toilette alles entsorgt wird.


[1] https://www.hansewasser.de/wir-fuer-bremen/daseinsvorsorge-fuer-die-stadt/klaeranlagen/

[2] https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/173389#Biologische_Phosphorelimination